Die lebenswerteste Stadt

Es ist kein Zufall, dass die Hausfrau vor dem Münsteraner Paulus-Dom posiert. Natürlich ist es auch kein Zufall, dass ihre Geschichten nicht prima oder cool, sondern tofte sind.

So reagiert die lebenswerteste Stadt auf „Hausfrau & Mutter, berufstätig“:

„Hamel! Da kannze jovel ne Knierfte inner Fierche bei frengeln!“
(Jürgen B., Vennheide, isst wohl gern sein Brot im Bett)

„Das ist wie Kaffee trinken, Kuchen essen und sich was erzählen!“
(Gisela K., Gremmendorf)

„Sitz aufm Sofa und komm ausm Schmergeln nich raus!“
(Winne V., Flussviertel)

„Tut gut!“
(Martje S., auf Lamberti)

„Wie jetzt – kleine Reihe? – Das ist GROSSE LITERATUR!“
(Marko A., Erpho)

„Gibts das auch als Hörbuch? Da könnt ich richtig schön bei bügeln!“
(Edith M., Kuhviertel)

„Schade, jetzt hab ichs schon durch!“
(Bernd O., Coerde)

Zuhause in der lebenswertesten Stadt der Welt

Auszug aus Kapitel 3 in: Hausfrau & Mutter, berufstätig, agenda Verlag 2019

Eine Schriftstellerin im digitalen Zeitalter muss sich selbstverständlich auf eine wechselseitige Beziehung mit ihrem Publikum einlassen. Hier verwendet sie Zeit und Mühe darauf, die wirklich wissenswerten Fakten ihrer Wirkungsstätte für die Leserinnen und Leser zusammen zu stellen, ganz persönliche Geheimtipps inbegriffen.   Das Leben in Münster ist grundsätzlich ganz jovel. Jovel ist ein beliebtes Wörtchen aus der Masematte. Dies wiederum ist die historische Sprache einer ganz speziellen Gruppe von Händlern und Arbeitern. Heute gibt es kaum noch echte Sprecher. (…) Einige Redewendungen sind in unseren Sprachgebrauch übergegangen, andere kommen ins Bewusstsein, seit sich die Masematte bei Forschern, Immis und Touristen wachsender Beliebtheit erfreut. (…) Jovel heißt so viel wie tofte und ist das Gegenteil von schofel, was schäbig oder unschön bedeutet.
Wer jetzt noch keine konkrete Vorstellung hat: Münster ist die Stadt, wo Börne in der Pathologie praktiziert und Thiel ständig in Kölner Eckkneipen nach seinem Vadder sucht. Richtig aufgemerkt! Diese Insider-Info sei euch ganz persönlich und verschwörerisch zugeraunt: Die Münster-Tatort-Dreharbeiten finden vorwiegend in Köln statt. Dennoch bleiben genügend Einstellungen vor Ort übrig, dass wir alle Nase lang an einem riesigen WDR-Catering-Truck mit sehr netten und lustigen Mitarbeitern vorbeilaufen, mit Nadeshda im Regionalexpress stehen oder Börne und Thiel im Kino treffen, wo sie just ihren neuesten Streifen promoten. Wobei Axel Prahl selbstverständlich im Kinosaal raucht. Weil er es kann.
Wilsberg ist auch ein wackerer Sohn der Stadt. Er mag zwar das deutsche Intellektuellen-Publikum nicht so recht hinter dem Ofen hervorlocken, in Münsters Öffentlichkeit ist er aber omnipräsent. Entweder sticht er auf der ersten Lokalseite ein Fässchen mit dem Oberbürgermeister an oder er kellnert für den guten Zweck auf dem Prinzipalmarkt. (…) Münster trägt seit Jahrzehnten den Titel „lebenswerteste Stadt der Welt“, der, so behaupten wir einhellig, aufgrund einer repräsentativen, sogar wissenschaftlich fundierten Umfrage vergeben und seither mehrfach erneuert wurde.
Ganz im Vertrauen: Belege dafür sind mir noch nicht untergekommen. Was mich im Stillen etwas skeptisch stimmt, ist die Tatsache, dass die bunten Sticker, welche es bei der Erstvergabe des Titels Ende der neunziger Jahre gab, nicht erneuert wurden. Die Sticker hatten die Größe einer Sonderbriefmarke und waren „für lau“ (Masematte für „kostenfrei“) in diversen Läden, Ämtern, Infozentren sowie bei der Post erhältlich. Sie riefen in einer stilisierten Sprechblase den Slogan „Münster ist die lebenswerteste Stadt der Welt!“. Wir haben die Werbung fröhlich-lokalpatriotisch auf Taschen und private Post appliziert. Irgendwann waren sie einfach verschwunden. Wir haben nicht weiter nachgeforscht.
Münster hat einen Dom, einen Allwetter-Zoo, ein Flüsschen und einen See, ist alle zehn Jahre Gastgeberin einer weltberühmten Open-Air-Kunstausstellung, die von Kasper König himself betreut und von einer immer größeren Schwemme von Kulturbefl issenen aus allen Teilen der Erde heimgesucht wird.
Münster ist die Fahrradstadt Nummer eins im Universum, was wir nicht müde werden zu betonen. Dies führt unter anderem dazu, dass die Zahl der Räder die Zahl der Einwohner um das Fünff ache übersteigt. Die Zahl der Fahrraddiebstähle wiederum übersteigt diese Zahl um das Dreifache, sodass uns am Ende zum Glück noch etwas Platz zum Laufen bleibt (…) Sehenswürdigkeiten gibt es ganz furchtbar viele, weshalb eine Aufzählung hier selektiv, ungerecht und deshalb voll gemein wäre. Ich lasse die mal weg.
Nur die Droste, wie sie lässig-liebevoll genannt wird, muss erwähnt werden. Diese ist allerdings keine Sehenswürdigkeit, sondern die eine und einzige historisch belegte große Dichterin der Stadt. Ich persönlich bin sogar schon am Haus Vögeding vorbeigeradelt, wo die spätere Lokal-Heldin Annette von Droste Hülshoff als ganz junges Adelsfräulein mehrfach eine Buttermilch mit ihrer Freundin getrunken haben soll, welche seinerzeit ebendort gelebt haben soll. Woher ich diese Insider-Information nun wieder habe? Extra für euch aus allererster Hand, von einer, die es berufsbedingt ganz genau wissen muss: In Münster gibt es nämlich noch das uralte Amt des Türmers, welcher nächtens über die Stadt wacht. Ganz modern versieht diesen ehrenvollen Dienst in schwindelerregender Höhe des Lamberti-Kirchturms bei uns eine Türmerin. Sie kennt sich natürlich bestens mit Türmen aus, so auch mit dem Buttermilchturm der Droste-Freundin im Haus Vögeding. Der Türmerin Aufgabe ist es, wie ehedem nächtens nach Feuern Ausschau zu halten und uns halbstündlich mit einem historischen Blas-Instrument die Entwarnung herab zu tuten. Und das tut sie. (…) Was in meiner kleinen Münster-Synopse auf keinen Fall fehlen darf, sind unser Wetter und unser Katholizismus. Der offizielle Spruch zur Stadt lautet: „Wenn du in Münster bist, läuten die Glocken, es regnet oder du siehst zwei Nonnen aufm Fahrrad.“ (…) Es gibt, und das soll das letzte Steinchen in meinem Münster-Mosaik und vielleicht der Schlüssel zu euren Herzen sein, sogar noch ein paar wenige Kneipen, die diesen Namen wahrhaft verdienen. Hinter ihren Butzenscheiben vegetieren noch echte Fikus Benjamini von 1983 oder wahlweise diese Kakteenart mit den langen Armen, die immer total tot aussehen, aber unaufhaltsam weiterwachsen. (…) Und hier sage ich euch leise sorry, denn: Wenn ich Ort und Stelle nenne, an welcher ich diese Worte schreibe, riskiere ich leider deren spontane Gentrifizierung. Das hieße, das ordinäre Bier, der Hauswein und die fetten Pommes (…) wären für immer passé. (…) Das kann nicht unser Ziel sein.
Es ist jetzt schon hart genug, am späten Dienstagabend nach dem Turnen ein wackeliges Tischchen für drei zu ergattern (…). Nicht dass wir noch Konkurrenz von findigen Touristen kriegen, die sich nach der Lektüre dieser kleinen Abhandlung auf die Suche nach der jovlen Lowine in unserem toften Fuselbeis machen! Oder von kreischenden Literatur-Freaks, die ein Selfie mit meiner Wenigkeit vor dem Butzen mit dem Fikus ergattern wollen.
Habt Verständnis, meine Lieben!
Die zarte Seele der Verfasserin hat sich hier bereits weit geöffnet. Das muss reichen. Darum haltet respektvollen Abstand oder besser noch: Bleibt wo ihr seid! Zum Trost ganz unter uns noch eine allerletzte Insider-Info:
Soooooo anders als in Bielefeld und Paderborn lebt es sich in Münster nun auch wieder nicht.