Locker werden…?!

Wir Westfalen gelten nicht gerade als Spontis der Nation. Nach Monaten des vorbildlichen Stillhaltens sollen wir jetzt wieder locker werden…? Leichter gesagt als getan! In ihrer Kolumne klärt die „Hausfrau & Mutter, berufstätig“, auf: Alles Münster

Hausfrau & Mutter, Homeoffice

Hausunterricht Biologie Verhalten Hege und Pflege von Wüstenpflanzen

Esst Mehlspeisen!

Auf dem engen Gehweg marschieren breitbeinig zwei schwere Schränke auf uns zu und poltern bei unvermindertem Tempo: „Nicht so aufdrängen! Platz machen!“ An meiner Joggingstrecke macht ein Bürger seiner Sorge per an die Bäume gepinnter Din-A-3- Order Luft: „ABSTAND HALTEN, um LEBEN ZU RETTEN“. Am Küchenfenster einer Mietswohnung hängt das Selbstporträt eines weinenden Kindes mit der Sprechblase „Corona ist scheiße!“ So weit, so zutreffend.

Seit Jahren decken wir unseren Tagesbedarf im Handel um die Ecke. Zwecks Wegwerf- und Verpackungsvermeidung, falls sich jemand noch daran erinnert. So weit, so naiv. Plätzchen für die Oma wollten wir backen. Die muss ihren runden Geburtstag ohne uns feiern. Leider lagert das Mehl aber nicht beim Händler. Es stapelt sich in den Vorratskammern wackerer Mitbürger, die früh in die Schlacht gezogen sind. Ihnen rufe ich zu: Esst Mehlspeisen! Viele Mehlspeisen! Macht euren Workout beim Youtuber des Vertrauens und dann: Esst Pfannkuchen! (…)

Die dritte Kolumne beim ausgezeichneten Online-Magazin „ALLES MÜNSTER“. Hier weiterlesen!

… ist alles vorbei? Eine Suche zwischen den Kulturen

Zweite Kolumne beim Online Magazin ALLES MÜNSTER

Nun ist es aus mit der Narretei. Die Orden sind verliehen, die Bütten geredet, die Zipfelmützen nebst Ornat in der chemischen Reinigung. Die Herren Monarchen harren auf die nächste närrische Session. „Nach dem Prinz ist vor dem Prinz“, soll ein führender Jeck mal gesagt haben.Das hiesige Fußvolk aber gibt sich nicht mit einer laxen Wartehaltung zufrieden. Wir bekommen noch echte Aschekreuze auf die Stirn. Es folgen vierzig Tage innerer Einkehr und Mäßigung, bis Ostern. So hat sich die Kirche den heidnischen Brauch des Karneval zu Nutze gemacht:

Am Ende des langweiligen Winters wurde tüchtig und mit Ansage gesündigt. Die Anonymität der Maskerade erlaubte moralische Zügellosigkeit und sogar Spott gegen die Obrigkeit. Danach wurde angemessen gebüßt, um geläutert das Osterfest zu begehen. So die Theorie.

So ähnlich läuft das in Köln immer noch: Das Liebesleben mancher Menschen jedenfalls spielt sich komplett an den Tagen Weiberfastnacht bis Aschermittwoch ab. Dann aber auch richtig. Meine frühere Chefin etwa, eine junge, pralle Schönheit, nahm außerhalb der tollen Tage schmachtende Blicke mancher Herren wie auch unserer Kollegin Claudia nicht im geringsten wahr. Ulla, Mitte zwanzig und bereits Stationsleitung, schmiss mit umwerfender Energie den Laden für pflegebedürftige Senioren. Von ihrer guten Laune angesteckt, wuppten wir alle mit, Claudia schmachtete. Ulla hielt sich leider ihrer Leibesfülle wegen für schrecklich unattraktiv und schmachtete auf andere Weise. Sie war ständig auf Diät. Während wir beim Frühstück fröhlich halve Hähne (zu Westfälisch: Käsebrötchen) mampften, trank Ulla schwarzen Kaffee. Als Aushilfe auch Mädchen für alles, vertrat ich gelegentlich unsere Hauswirtschafterin (zu Kölsch: Küschenfee). Deshalb kannte ich Ullas kleines Geheimnis: Sie besaß einen gigantischen Vorrat an püriertem Obst in winzigen Babynahrungs-Gläschen, die sie ganz hinten im großen Kühlschrank hortete. In unbeobachteten Momenten stahl sie sich mit einem winzigen Plastiklöffelchen in die Speisekammer und dezimierte die Vitamine. Karneval aber war es vorbei mit Arbeiten, Diät und Heimlichkeiten. Zuvor ordnete Ulla für die Station das ganz große Besteck an: Den Bewohnern fehlte es an nichts, von Girlanden über Luftballons, Konfetti und nonstop Karnevalsklängen bis hin zu Kölsch und Flönns (zu Westfälisch: Bier und Blutwurst). Ulla organisierte, kaufte ein, bereitete vor. Und dann tauchte sie ab.

Nie sahen wir Ulla an Weiberfastnacht untergehakt mit einem flotten Senior schunkeln, keine Büttenrede ans betagte Volk verließ ihr fröhliches Mundwerk, selbst die jecke Nubbelverbrennung im Garten des Seniorenstifts führte nicht Ulla an, sondern wir, die zugezogenen Aushilfskräfte. Erst Aschermittwoch tauchte unsere Chefin energiegeladen, vollkommen übernächtigt, mit rauer Stimme und schlecht versteckten Knutschflecken wieder auf. Und fastete. Sie wartete ab sofort, wie sie selbst sagte, „auf‘t näxte Jahr“.

Jahre später erinnerten mich die Kinder, der guten münsteraner Bildung sei Dank, an den Brauch des Fastens. Sie fanden das spannend. Sie nahmen sich vor, nichts Süßes zu essen. Ganz die solidarische Mutter, schloss ich mich an. Worauf sollte ich verzichten? Kaffee hätte nahe gelegen. Der Familienrat hatte mich schon „ohne“ erlebt und entschied vorsichtshalber dagegen. Alkohol kam kurz ins Spiel, da hatte mich schon auf die Seite der Kinder geschlagen. Tapfer begannen wir mit dem Ohne. Nur der Liebste verzichtete auf das Verzichten. Wie oft mir das Mantra „vierzig Tage“ durch den Sinn zog? Gute Frage. Am Ende der Fastenzeit war ich jedenfalls drei Kilo schwerer. Die vielen Äpfel, Reiswaffeln und Möhren, die ich ersatzweise genascht hatte, waren wohl speckig auf der Hüfte gelandet. Die Kinder mampften Ostern völlig unbeschwert ihre Schoko-Osterhasen. Ich sann nougatselig über die Rückgewinnung meiner Linie nach.

Ein Jahr später war schon wieder Karneval, erneut dräute die Fastenzeit – mir wurde etwas bang. Der Liebste verwies pfiffig auf meinen zig Jahre währenden Fleischverzicht, ob das nicht…? So leicht wollte ich mir aber nicht davon kommen!Ausgerechnet beim netten Pastoralreferenten erblickte ich eine Bonboniere, prall gefüllt mit Schokobömskes. Auf meinen zaghaften Kommentar strahlte er: „Was, auf Schokolade verzichten?! Geht gar nicht! Mein Fasten heißt ‚Mir-täglich-etwas-Zeit-für-mich-nehmen‘!“ Beseelt hinterbrachte ich der Familie die Neuigkeit. Sie lobten mich und unterstützen bis heute mein Projekt, das über alle Jahresfeste, Sessionen und Fastenzeiten hinaus erfolgreich weiterläuft:

Vor Tau und Tag nehme ich mir etwas Zeit für mich. Was ich da tue? Meditatives Multitasken. Atmen, still sein, aus dem Fenster gucken. Alles gleichzeitig. Fasten? Find ich gut. Aschermittwoch ist gar nicht alles vorbei.

Da simmer dabei, dat is johovel! Ein Kulturvergleich.

Junger Münsterländer, zur Unkenntlichkeit verkleidet

im Bild: Junger Münsterländer, zur Unkenntlichkeit verkleidet.

Uns steht die fünfte Jahreszeit bevor, ins Haus und eigentlich schon „bis hier“, wie der Westfale mit der Handkante am Kinn deutlich macht. Oder seid ihr etwa in diesem Jahr dabei? Ganz ehrlich: Hättet ihr den Trip an die Nordsee gebucht – ich tät es euch nicht verdenken. „Da simmer dabei, dat is johovel! Ein Kulturvergleich.“ weiterlesen